Die Silberrücken in der Affenbande ...

Mit Selbstironie sagte mir letzthin ein Kollege, der in der Finanzbranche arbeitet: «Weisst du, manchmal wäre ich gerne ein Gorilla.» Erstaunt über meinen Mitfünfziger fragte ich nach. Er meinte: «Na ja: Als älterer Gorilla – eben als Silberrücken – wird man respektiert, da gilt das Alter und die Erfahrung in der Gruppe noch etwas. Nicht wie bei uns im Business. – Aber wie ist das eigentlich bei euch in der Schule – wieviel zählt denn Erfahrung im Lehrberuf? Wird man da in meinem Alter nicht auch als altbacken abgestempelt?»

Mit Überzeugung entgegne ich: Nein, unsere Lehrpersonen der Ü­-50-Fraktion zählen keinesfalls zum alten Eisen. Im Gegen­teil: Eine Schule profitiert vom profunden Wissen und der lang­jährigen Erfahrung von älteren Lehrerkollegen. Im Umgang mit Jugendlichen kann es sogar von Vorteil sein, wenn eine Lehr­person schon einige Klassenjahrgänge durchlaufen hat. Sie er­ kennt dann typische Verhaltensmuster bei Problemstellungen im Unterricht, bei Lerntechniken, in Klassenlagern usw. besser. Zudem dürften berufliche und private Erfahrungen im familiä­ren Umfeld – zum Beispiel mit eigenen pubertierenden Söhnen oder Töchtern – zu einer gewissen Gelassenheit im Umgang mit den Schülern führen. Erfahrene Lehrer/innen begreifen die Kom­plexität des gesamten Unterrichtsablaufs, wissen, was typisch ist, und können auf Handlungsalternativen zurückgreifen.

Auch die Forschung bestätigt, dass dazu mindestens sieben Jahre Berufs­erfahrung nötig sind. Allerdings kann die Erfahrung des Lehrers oder der Lehrerin nur dann zu einem wesentlichen Erfolgsfaktor im Unterricht werden, wenn man offen ist für eine reflexive Kritik am eigenen Unterricht. Genau das fördern wir mit unserem internen Qualitätssicherungsprogramm mittels regel­mässiger Schülerfeedbacks, gegenseitiger Unterrichtsbesuche über die Fachschaften hinweg und Lektionsbesuche unserer Schulkommissionsmitglieder.

Es erfüllt mich auch mit Genugtuung, zu sehen, dass unsere älteren Kolleginnen und Kollegen engagiert und hoch motiviert ihren Beruf ausüben. Da ist zum Beispiel die 60­jährige Deutsch­lehrerin, die sich für eine Weiterbildung übers Wochenende anmeldet oder der gleichaltrige Kollege aus der Fachschaft Wirtschaft, der seit Jahren neben der Unterrichtstätigkeit unsere Handelsmittelschüler intensiv und erfolgreich bei der Suche der Praxisstellen betreut. Auch hier ist Erfahrung äusserst wertvoll.

Mein Fazit ist klar: Offenbar im Gegensatz zur Finanzbranche zählen wir auf unsere «Silberrücken», denn die Kombination von Leidenschaft und Erfahrung führt zu einem erfolgreichen Unter­richt.

Martin Bietenhader, Rektor